Herr Siegenthaler, haben Sie für sich die 2000-Watt-Gesellschaft schon realisiert?

Daniel Siegenthaler: Wir haben das Dach unseres älteren, 2001 gekauften Hauses isoliert und Sonnenkollektoren installiert. Wir hatten noch nie ein eigenes Auto. Für mich ist die 2000-Watt-Gesellschaft eine Vision – eine schwierig zu erreichende Vision. Aber wir müssen diesen Weg wegen des Klimawandels gehen.

Konsequenterweise müssten Sie statt in einem Einfamilienhaus in einem Block wohnen, beispielsweise in einer der vier Staumauern. Kennen Sie die Telli-Wohnzeilen aus eigener Erfahrung?

Ich habe dort nie selber gewohnt, aber ich kenne einige Menschen, die in den Telli-Wohnzeilen leben. Ich schätze die Siedlung auch wegen der Minigolfanlage, auf der ich regelmässig spiele. Selber bin ich in Blöcken aufgewachsen, in Zofingen und Strengelbach, und wir haben später auch in Aarau zuerst in einer Mietwohnung gewohnt.

Ab wann war Aarau ein Thema in Ihrem Leben?

Ich ging vier Jahre lang von Vordemwald aus an die Alte Kanti. Und danach hat meine damalige Freundin, meine heutige Frau, in Aarau gewohnt. Wir sind 1986 nach Murgenthal gezogen und zehn Jahre später zurückgekehrt – aus beruflichen Gründen. Es war für uns wie ein zweites Nach-Hause-Kommen.

Und dazwischen ...

... haben wir zuerst sieben Jahre in Murgenthal gewohnt. Ich war im Turnverein und leitete die Handballabteilung – das war eine ganz tolle Zeit. Das war die Phase, in der ich Geschichte, Geografie und Staatsrecht studiert habe – und stets auch nebenbei arbeitete. 1993 zügelten wir nach Bern. Vor dort aus pendelte ich nach Biel, wo ich meine erste Stelle als Gymnasiallehrer hatte.

Aarau hat sich in den zwanzig Jahren, in denen Sie hier leben, gesellschaftlich stark verändert. Was ist Ihnen dabei besonders positiv aufgefallen?

Erstens beeindruckt mich die verkehrsberuhigte Altstadt. Wahnsinn, wie da Leben reinkommt, sobald die Sonne scheint. Zweitens ist Aarau urbaner geworden. Die Stadt ist offener, lebendiger, vielfältiger geworden. Sie hat an Lebensqualität gewonnen. Ich freue mich sehr darauf, wenn sich Aarau noch weiter entwickelt: Richtung Torfeld Süd, Torfeld Nord, im Kasernenareal.

Sie sind Aktuar der Vereinigung Heimatkunde Suhrental. Ein eher bodenständiger, tendenziell konservativer Verein. Was fasziniert einen städtischen Linken an dieser Heimatkunde?

Ich kam als Geschichts- und Geografielehrer mit diesem Verein in Kontakt. Ich fragte mich, wie komme ich zu den Geschichten, die interessant und dazu noch aus der Gegend sind? Die Vereinigung publiziert eine Jahresschrift mit Texten, die ich suchte. Nachdem ich als Rektor aufgehört hatte, begann ich mich als Vorstandsmitglied zu engagieren.

Waren Sie je in der Pfadi?

Ja, in Zofingen während der Volksschulzeit. Mein Pfadi-Name war «Adler» (lacht).

Sie haben mit Ihrer Frau (54) eine Tochter (22) und einen Sohn (19). Wie stark haben Sie sich an der Kinderbetreuung beteiligt?

Nach der Geburt der Tochter hat meine Frau Teilzeit gearbeitet, dann aber ganz aufgehört. Sie machte einen Unterbruch, bis der Sohn drei Jahre alt war, und begann dann wieder zu unterrichten. Sie ist noch bis im Sommer Primarlehrerin im Aarauer Gönhard-Schulhaus. Meine Frau war hauptverantwortlich für die Kinder, als sie klein waren.

Und Sie?

Ich hatte auch immer sehr viel Zeit für die Familie. Denn wir sind bewusst nach Aarau gezügelt: Mir war es ganz wichtig, dass wir möglichst nahe an meinem Arbeitsort, damals der Neuen Kanti, wohnten. Ich wollte die Zeit nicht für das Pendeln, sondern für die Familie einsetzen. Für mich gibt es kein richtiges oder falsches Familienmodell. Jede Familie soll sich so organisieren können, dass es für alle Familienmitglieder stimmt. Dazu muss aber die Stadt passende Betreuungsangebote bereithalten, und zwar in genügend grosser Zahl.

Wo haben Sie Ihre Frau kennen gelernt?

Sie ist aus Oberentfelden und ging an der Alten Kantonsschule in eine Parallelklasse. Ein Paar wurden wir aber erst nach der Kanti.

Ihr Facebook-Titelbild zeigt nicht die Staffelegg, sondern die Rigi. Wieso?

Ich liebe die Berge, das Wandern. Das Foto entstand auf dem Gnipen oberhalb von Arth-Goldau. Ich war mit den Fussballkollegen auf unserer jährlichen Wanderung. Am Freitagabend gehe ich jeweils in der Gönhard-Halle Fussball spielen.

Ein Bänklitschutter ...

Seit Jahrzehnten. Es geht nichts über diesen Freitagabend-Termin. Ich bin ein Spielertyp: Es braucht einen Ball – und ab geht die Post. Deshalb ist mir auch ein grosses Anliegen, dass die Stadt den Vereinen genügend Hallen und Plätze zur Verfügung stellt.

Sie haben keine eigene Website, äussern sich nicht auf Twitter, nutzen Facebook lediglich zu privaten Zwecken. Etwas gar unmodern für einen Mann mit Stadtpräsidenten-Ambitionen.

Stimmt. Da muss ich aktiver werden. Eine Website gibt es allerdings – www.daniel-siegenthaler.ch – und neu auch eine Facebook-Seite. Aber das Wichtigste ist für mich der persönliche Kontakt – auch im Wahlkampf.

Sie waren stets in irgendeiner Form Lehrer. Eigentlich wären Sie der perfekte kantonale Erziehungsdirektor…

Die Bildung hat mich immer interessiert. Sie ist für mich zentral. Lehren, Ausbilden, Führen – das tue ich mit Leidenschaft. Die Bildungspolitik ist mir ganz nahe und hat mich immer begleitet.

Als Stadtpräsident wären Sie Finanzminister und Verwaltungschef.

Genau darum kandidiere ich als Stadtpräsident. Finanzen, Personalführung, Fragen der Organisation: Diese Themen interessieren mich ganz besonders.

Zwischen 2004 und 2010 waren Sie Rektor der Neuen Kantonsschule. Fühlten Sie sich in dieser Zeit als Manager?

Ich fühlte mich als Führungsperson und Gestalter, nicht als Manager. Als Rektor hat man sehr viel Handlungsspielraum. Man kann die Organisation voranbringen, die Personalführung verbessern, die Unterrichtsgefässe entwickeln. An der Neuen Kanti gingen 120 Lehrpersonen, 15 Mitarbeitende und gegen 800 Schülerinnen und Schüler ein und aus.

2010 haben Sie von der Neuen an die Alte Kanti gewechselt. Das ist aussergewöhnlich und erklärungsbedürftig.

Ich fühlte mich sehr wohl an der Neuen Kanti. Es hätte mir nicht besser gehen können. Aber schon bevor ich Rektor geworden bin, wusste ich, dass ich das nicht bis zu meiner Pensionierung machen werde. Ich wollte irgendwann nochmals etwas anderes tun.

Konkret?

Die Ausbildung von Lehrpersonen hat mich schon immer fasziniert. Der Wechsel an die Alte Kanti ermöglichte mir, einerseits ein Standbein als Lehrer zu haben und andererseits als Ausbildner, das heisst als Fachdidaktiker, tätig zu sein.

Als Mann mit einer geografischen Ausbildung dürften Sie die Welt bereits gesehen haben. Welche Trips sind Ihnen besonders in Erinnerung?

Ich bin immer wieder gereist, vor allem in Europa. 2009 waren wir als Familie mit dem Wohnmobil an der Westküste Kanadas unterwegs. Speziell erinnere ich mich auch an die Ägypten-Reise im Juli 2012. Assuan ist für mich eine Traumstadt. Die Wüste fasziniert mich. Und unvergessen bleiben die Wanderferien mit der Familie in der Schweiz, in Frankreich und in Spanien.

Sie sind Dozent an der Pädagogischen Hochschule der FHNW und an der Uni Freiburg. Zudem unterrichten Sie an der Alten Kanti. Was sind Sie vor allem?

Ich bin jetzt in erster Linie in der Ausbildung tätig. Hauptsächlich an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz. Das bedeutet Lehrveranstaltungen, Unterrichtsbesuche, Begleitung von Praktika und auch Forschung. Dazu unterrichte ich an der Alten Kanti zwei Klassen und leite die Arbeitsgruppe «Maturaarbeit und Projektunterricht». Zudem bin ich Beauftragter für die Reform der gymnasialen Lehrpläne im Kanton Basel-Stadt.

Wie kommt es, dass Sie dem Stiftungsrat der Alpinen Mittelschule Davos angehören?

Ich bin dort nie zur Schule gegangen, wurde aber von einem Fachdidaktiker angefragt, der für sich im Stiftungsrat einen Nachfolger suchte. Ich habe sofort zugesagt. Übrigens habe ich einen familiären Bezug zu Davos: Mein Urgrossvater war Kondukteur bei der Schatzalpbahn.

Sie wurden erst mit 50 in den Einwohnerrat gewählt. Als Politiker sind Sie ein Spätzünder.

Ich war schon in der Kanti politisch sehr interessiert und gehörte schon damals der SP an. Ich war aktiv in der SP Vordemwald und von 1984 bis 1986 deren Präsident. Der ehemalige Grossratspräsident Walter Weber war so etwas wie mein Mentor. In Murgenthal war ich im Vorstand der SP. Danach habe ich mich nicht mehr aktiv in der Politik betätigt – als Rektor kam das sowieso nicht infrage. Nach 2010 aber fand ich, dass ich mich wieder politisch engagieren möchte. Ich bin 2013 kurzfristig auf die Einwohnerratsliste gekommen und auf Anhieb gewählt worden. Seither bin ich mit Begeisterung dabei.

Wieso trauen Sie sich zu, praktisch aus dem Stand Stadtpräsident zu werden?

Erstens bringe ich Führungskompetenz mit. Ich kann eine grosse Organisation leiten. Zweitens habe ich in den letzten drei Jahren als Einwohnerrat relativ viel vom politischen Betrieb kennen gelernt. Ich war in der Einbürgerungskommission und bin jetzt Präsident der Finanz- und Geschäftsprüfungskommission (FGPK). Ich traue mir zu, mich schnell in die weiteren Abläufe einzuarbeiten. Ausserdem ist es eher die Regel, dass die Aarauer Stimmbevölkerung einen Stadtpräsidenten von ausserhalb des Stadtrates wählt. Jolanda Urech ist da eine Ausnahme.

Die Sozialdemokraten engagieren sich ganz besonders für die Frauenförderung. Eigentlich überraschend, dass sie als Nachfolger ihrer Stadtpräsidentin einen Mann aufstellen. Haben Sie kein schlechtes Gewissen, ein Frauenverhinderer zu sein?

Die Förderung von Frauen ist ganz wichtig. Frauen der SP Aarau haben wichtige Funktionen: Stadtpräsidentin, Stadträtin, Präsidium von Einwohnerrat, Fraktion und Stadtpartei. Das zeigt, dass die SP Gleichberechtigung umsetzt. Dann spielt das Geschlecht weniger eine Rolle.

Was sagen Sie zum Vorwurf, Sie seien vor allem nominiert worden, weil Sie unter allen sozialdemokratischen Papabili die besten Wahlchancen haben?

Für mich ist das ein Kompliment.

Sie sind Mitglied der «Freunde des ZDA» (Zentrum für Demokratie Aarau). Was fasziniert Sie an den politischen Wissenschaften, an der Demokratieforschung?

Der Mensch und seine Rolle in der Gesellschaft, aber auch das Funktionieren des Gemeinwesens. Die Integration von allen Menschen, die in einer Gemeinde leben, ist mir ein grosses Anliegen. Die Politikwissenschaften können uns mit ihren Erkenntnissen helfen, hier Fortschritte zu machen.

Erzählen Sie uns von Ihrer Familie.

Mein Vater war zuerst Schreiner und wurde dann im fortgeschrittenen Berufsalter Versicherungsberater. Meine Mutter war Hausfrau und arbeitete als Putzfrau. Ich bin mit drei Brüdern aufgewachsen. Wir stehen uns alle immer noch sehr nahe.

Was macht eigentlich Ihr Tennis?

Ich spiele einmal pro Woche. Leider bin ich im Moment zeitlich etwas eingeschränkt. Ich spiele erst seit 2009 Tennis und war drei Jahre im Vorstand des Tennisclubs Aarau. Ich freue mich auf die neue Interclub-Saison. Unser Team hat einiges vor.